Meyer, Martin: Feldpost nach Damme

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Meyer, Martin (Hg.)

Feldpost nach Damme

Die Briefe des Füsiliers Bernhard Hülsmann an seine Familie.
Vorwort von Andreas Kathe.
Geest-Verlag, Vechta-Langförden, 2007
ISBN 978-3-86685-004-0
236 S., 14.00 Euro

"Es ist bekannt, daß 55 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Doch wer kann sich das Leid vorstellen, das in jenen Jahren durch den kriegsbedingten Tod von täglich mehr als 30.000 Menschen weltweit verursacht worden ist? Das Unbegreifliche gewinnt eine neue Dimension, wenn man den Blick auf das einzelne Schicksal lenkt. Der vorliegende Band mit Feldpostbriefen des jungen Infanteristen Bernhard Hülsmann an seine Familie nach Damme vermittelt anschaulich, welches Hoffen und Bangen an der Front und zu Hause herrschte."
(Aus dem Vorwort von Andreas Kathe, Vechta)

Aus der Einleitung des Herausgebers:

Einleitung

Als Deutschlands Wehrmacht am 1. September 1939 mit dem Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg auslöst, begeht ein Junge im südoldenburgischen Damme seinen dreizehnten Geburtstag. Geboren am 1. September 1926, dürfte sich Bernhard Hülsmann an jenem Tag mehr Gedanken über den geliebten Geburtstagskuchen als über die Bedeutung des Überfalls auf Polen gemacht haben. Er kann nicht ahnen, daß er nur Monate nach seinem achtzehnten Geburtstag in dem attackierten Land ein anonymes Grab finden wird. Bernhards Mutter Antonia hingegen mögen unheimliche Vorahnungen gekommen sein, denn sie hat im Ersten Weltkrieg schon ihren ersten Ehemann und den gemeinsamen Sohn aus erster Ehe verloren.
Antonia Broermann wird 1884 in Damme geboren und heiratet mit neunzehn den acht Jahre älteren Bernhard Klausing aus Osterdamme. Ihr gemeinsamer Sohn Karl August Bernard kommt im Oktober 1905 zur Welt. Bernard, wie er in der Familie genannt wird, verkörpert die Hoffnung des "Stammhalters", der eines Tages den landwirtschaftlichen Hof aus dem Jahre 1758 übernehmen soll. Doch Anfang August 1914 erklärt Deutschland zuerst Rußland und dann Frankreich den Krieg. Bernhard Klausing gehört zu seinen frühen Opfern, als er "durch Bombenwurf eines feindlichen Fliegers", wie es offiziell heißt, am 6. September 1914 ums Leben kommt. Keine zwei Jahre danach, am 19. August 1916, verliert Antonia den gemeinsamen Sohn Bernard durch Krankheit. Antonia ist mit Anfang dreißig Witwe und ohne Nachkommen. Wer kann ahnen, daß sie ihren zweiten Sohn Bernhard Hülsmann im nächsten Krieg verlieren wird?
Wann sie ihren zweiten Ehemann Heinrich Hülsmann aus St. Mauritz bei Münster in Westfalen kennenlernt, ist nicht bekannt. Dokumentiert hingegen ist ihre Eheschließung am 22. April 1922 in Damme. An diesem Tage wäre Antonias erster Ehemann sechsundvierzig geworden. Heinrich hingegen ist dreiunddreißig Jahre alt und damit fünf Jahre jünger als Antonia. In den folgenden Jahren werden drei Kinder geboren, von denen die erste Tochter im April 1923 zur Welt kommt. Sie stirbt am Tage nach der Geburt. Die zweite Tochter, Johanna, kommt 1924 auf die Welt und der Sohn Bernhard Hülsmann zwei Jahre später, als Antonia zweiundvierzig Jahre ist. Im folgenden wird er Bernd genannt, weil er so zu Hause hieß und sich auf diese Weise besser von Bernhard und Bernard Klausing unterscheiden läßt.
Auf dem Hof "Klausing", den Antonia von ihrem ersten Ehemann übernommen hat, lebt sie nun mit Heinrich Hülsmann und den beiden Kindern Johanna und Bernd. Gleichzeitig ist der Hof noch das Zuhause von August und Lina Klausing, den Geschwistern von Antonias erstem Ehemann Bernhard. Im Laufe der Jahre wird im lokalen Sprachgebrauch aus dem "Hof Klausing" der "Hof Hülsmann in Osterdamme", wie es 1937 in einen Bericht über die Dammer Giebelbaukunst heißt.


Die Feldpostbriefe
Warum Bernd so regelmäßig korrespondiert, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Zwei Gründe sind jedoch naheliegend: Erstens schreibt der junge Mann gerne, wie die immer wiederkehrende Sorge um sein Schreibpapier und ?gerät belegt. Darüber hinaus weiß er, der so gern Post von zu Hause erhält, daß er selbst schreiben muß, um Nachrichten aus der Heimat zu erhalten. Zweitens will er seine Familie und besonders seine Mutter Antonia beruhigen, die 1944 nicht mehr gesund ist. Ihre Sorge spiegelt sich in jener Bernds, der sich Gedanken macht über Luftangriffe, die auch Damme und damit Familie und Hof bedrohen. Gegenseitig versichert man sich also, daß die Dinge relativ gut stehen, solange man Briefe voneinander erhält.
Damit erfüllen Feldpostbriefe ihre wichtigste Funktion. Sie melden den Lieben, daß man noch lebt. Immer wieder schreibt Bernd, es freue ihn, daß es zu Hause "noch gut" gehe, und er benutzt diese Formulierung auch zur Beschreibung seiner eigenen Lage. Ansonsten dominieren private und persönliche Meldungen, während politische, militärische oder gar strategische Erörterungen in Feldpostbriefen nicht üblich sind. Feldpostbriefe sind keine Berichte, die man für bare Münze nehmen darf. Vielmehr muß man stets zwischen den Zeilen lesen. Wenn Bernd schreibt, es gehe ihm "noch gut", spricht aus dem "noch" eben die Angst, daß sich die Lage augenblicklich verschlechtern kann - und die Tatsache, daß ihm das überaus bewußt ist.
Die Wehrmacht betrachtet Feldpostbriefe als "Waffe" und fordert ihre Soldaten dazu auf, sich "positiv" zu äußern, um nicht demoralisierend auf die Familien daheim zu wirken. Über die Militärpropaganda werden stereotype Sprachregelungen in Umlauf gebracht, die in Feldpostbriefen millionenfach reproduziert werden. Auch auf diese Weise bemüht sich die Propaganda um ein einheitliches Bild vom Krieg, das es dem Regime erleichtert, der Bevölkerung weiterhin Zumutungen abzuverlangen. Daß Feldpost dennoch die Stimmung in der Truppe widerspiegelt, ist der Wehrmacht sehr bewußt. Deswegen verfügt sie, in Feldpostprüfstellen stichprobenartig Briefe öffnen zu lassen und zu lesen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen werden monatlich Berichte zur Stimmung in der Truppe angefertigt und dem Oberkommando der Wehrmacht (Abwehr) vorgelegt. Auch Bernd Hülsmann weiß um diese Zensur: "Sind von mir schon Briefe geöffnet worden?", fragt er am 8.8.1944. Überprüfte Briefe werden als solche gekennzeichnet und anschließend zugestellt, ggf. mit Schwärzungen. "Trotzdem läßt sich nach einer sorgfältigen Überprüfung von etwa 50.000 Feldpostbriefen [. . .] feststellen, daß die Masse der Soldaten ihre Meinung und Ansicht erstaunlich offen und unbefangen äußerte," konstatieren Buchbender und Sterz 1983. Bernd Hülsmanns Feldpostbriefe in diesem Band bieten Gelegenheit zur Überprüfung dieses Urteils.
Alle erhaltenen Briefe sind hier abgedruckt, darunter auch einige von Vater Heinrich Hülsmann an seinen Sohn Bernd "im Felde", die als unzustellbar zurückkamen und deswegen im Fundus waren, der dem Herausgeber Mitte der 1990er Jahre von seiner Mutter vermacht wurde. Wenn Briefe fehlen, sind sie entweder nie in Damme angekommen oder von Bernds Eltern bzw. seiner Schwester vernichtet worden. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß sie der zeitgemäßen Archivierung in einer Handelsgold-Zigarrenkiste zum Opfer gefallen sind, in der sie ungeordnet überdauerten und nicht immer vor den sieben Kindern in Johannas Haushalt sicher gewesen sein dürften. In Anbetracht dieser Umstände ist es ein kleines Wunder, daß sie die Jahrzehnte seit Kriegsende überhaupt überstanden haben.
Das andere Gesicht des Krieges: Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945, hrsg. Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz, 2. Aufl. (München: Beck, 1983), S. 24.